„Risikokinder“


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Transdisziplinäres Forschungsprojekt gestartet: „Risikokinder“. Eine Wissenschafts- und Gesellschaftsgeschichte der Schwangerschaft und Reproduktion in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Wessen oder welches Wissen zählt – und wird erzählt?

Projekt Risikokinder

Ein Beispiel für ein universitäres Forschungsprojekt unter Einbindung von studentischen Hilfskräften, Vorstellung des Projekts durch Kübra Göksel, Miriam Koppehl und Nicolas Weber 

Im durch das BMBF und das DLR geförderten Projekt „Risikokinder. Eine Wissenschafts- und Gesellschaftsgeschichte der Schwangerschaft und Reproduktion in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts“ erforscht eine Arbeitsgruppe unter der Leitung von Dr. Birgit Nemec am Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität Heidelberg gesellschaftliche Auffassungen von „Risiken“ in der Reproduktion sowie die daran geknüpften Vorstellungen der Vorsorge im Zeitraum von 1950 bis 1990 [Twitter].

Damals wie heute wird das Thema Reproduktion nicht nur in Politik und Gesellschaft kontrovers diskutiert, sondern ist auch wissenschaftlich heiß umkämpft. Anhand der Untersuchung dieses Diskurses aus geschichtswissenschaftlicher Perspektive lässt sich nachvollziehen, wie Wissen und wissenschaftliche Praxis produziert werden, zirkulieren und schließlich zur Anwendung kommen. An kaum einem anderen historischen Beispiel lässt sich dieser Aushandlungsprozess, welcher von sich wandelnden Annahmen und Wissensordnungen geprägt ist, so gut sichtbar machen wie an der Diskussion um Reproduktion.

Da Schwangerschaft und Reproduktion nicht nur Gegenstände wissenschaftlicher und politischer Kontroverse, sondern in erster Linie persönliche und intime Themen sind, werden diese im Untersuchungszeitraum auch außerhalb der „Mediziner*innenblase“ verhandelt. So traten zum Beispiel im Zuge der Frauengesundheitsbewegung der 1970er und 1980er Jahre aktivistische Frauengruppen als diskursführende Akteurinnen auf, die mit ihrem Wissen von Frauen für Frauen die Einstellung von Expert*innen, Frauen und Familien zum ungeborenen Kind veränderten. Die Frauengesundheitsbewegung verstand sich dabei einerseits als Befreiungsbewegung, andererseits aber auch als Wissensbewegung: Wissenschaftler*innen sollten nicht länger das Monopol des Wissens über den weiblichen Körper und reproduktive Gesundheit innehaben. Wissen und Expertise standen zur Debatte, was erklärt, weshalb die Themen Schwangerschaft, Reproduktion und Risiko bis heute polarisieren. Ein anderes Beispiel sind die Zusammenschlüsse von Patient*innen und Aktivist*innen, wie z.B. in der Interessensgemeinschaft duogynongeschädigter Kinder e.V., die mit ihrer Kritik, ihren Aufklärungskampagnen und nicht zuletzt mit ihrer Recherche- und Archivarbeit neue Perspektiven in den öffentlichen Raum einbrachten und auf diese Weise zu einem Gegen-Wissen zu bestimmten Risikofaktoren beitrugen. Ein weiteres Beispiel sind die Erzählungen von Migrantinnen, die zeigen, wie diese Aushandlungsprozesse im Alltag dieser Zeit erlebt wurden. Darüber hinaus wirft das Thema grundsätzliche methodische Fragen auf. Um den diversen Formen von Wissensproduktion sowie der Pluralität der historischen Akteur*innen im Untersuchungszeitraum gerecht zu werden, greifen wir im Rahmen des Projekts auf verschiedenste Quellen zurück, um die Thematik aus unterschiedlichsten Blickwinkeln zu beleuchten: Von Archivmaterial, das von Patient*innen und Aktivist*innen gesammelt wurde bis hin zu Zeitzeugeninterviews mit Migrantinnen, die ihre Erfahrungen mit Schwangerschaft und Geburt in dieser Zeit reflektieren. Damit versuchen wir uns weg von der Untersuchung, wie die Laiin dieses Thema erlebt hat, zu bewegen und den Fokus auf die Frage, wie die Einzelne Wissen über Reproduktion mitgestaltete, zu legen.

Das ist eine Geschichte von unten, weil hierin traditionelle Nicht-Expert*innengruppen nicht als Gegenpol zum legitimen Wissen gesehen werden, sondern als Mitproduzent*innen eines größeren Wissensbestandes zur Reproduktion. Indem wir diese Quellen in Kooperation mit dem Heidelberger Universitätsarchiv und der UB digitalisieren und sichern, werden diese Aushandlungsprozesse für Forschung und Lehre langfristig zur Verfügung stehen.